Falsche Religion, kein Job

Muslime werden bei Stellenausschreibungen eher abgelehnt als Christen – selbst wenn beide aus dem gleichen afrikanischen Land kommen und nahzu idente Lebensläufe vorlegen. Das zeigt eine aktuelle Studie aus Frankreich. Vielfältige Formen der Diskriminierung gibt es jedoch auch in anderen europäischen Ländern.

Marie versus Khadija

Der Name entscheidet: Marie Diouf und Khadija Diouf bewerben sich in Frankreich um eine Stelle. Beide kommen aus Senegal und ihre Lebensläufe sind bis auf wenige Details ident. Beide haben einen typisch senegalesischen Nachnamen, unterschiedlich sind die Vornamen – einmal muslimisch, einmal christlich. Darüber hinaus gibt es Hinweise auf die Religion der Bewerberinnen: Beide arbeiteten bei einem Hilfsdienst, Khadija bei „Secours Islamique“, Marie bei „Secours Catholique“. Beide sind 24 Jahre alt und gleich ausgebildet und erfahren.

Sie bewerben sich um eine Stelle, bei der sie mit Kunden und Geschäftspartnern zu tun haben werden. Auf die verschickten Bewerbungen erhält Marie in 21 Prozent der Fälle eine positive Antwort, Khadija allerdings nur zu neun Prozent. Doch geschlagen werden beide von Aurélie Ménard: Die Dame mit dem klassischen französischen Namen und ohne Hinweis auf eine Religion im Lebenslauf erhielt mit mehr als 25 Prozent die meisten positiven Antworten auf ihre Bewerbungen. Marie und Khadija haben ihre Lebensläufe mit oder ohne Foto verschickt. Religiöse Symbole waren auf den Bildern nicht zu sehen.

Die Lebensläufe der drei Frauen sind erfunden, ausgedacht von einem Team um David Laitin von der Abteilung für Politikwissenschaft der Universität Stanford. 275 mal haben die Forscher gleichzeitig die Bewerbung von Aurélie Ménard und jeweils einer der Dioufs an Unternehmen verschickt, um herauszufinden, wie schwierig es für muslimische Immigranten und Immigrantinnen in Frankreich ist, Arbeit zu finden.

„Moslemeffekt“

Als Vorbild für die Arbeitssuchenden nahmen die Wissenschaftler zwei unterschiedliche ethnische Gruppen von Immigranten aus Senegal, die Diola und die Serer: Sie besitzen dieselbe Kultur, einen ähnlichen ökonomischen Hintergrund, sind gleich gebildet, teilen sich aber jeweils in Christen und Muslime. Menschen aus beiden Gruppen immigrierten erstmals fast zeitgleich vor circa 39 Jahren nach Frankreich.

Untersucht wurden nun die Chancen der Angehörigen der zweiten Generation bei der ökonomischen Integration am Arbeitsmarkt. Laut den Autoren der Studie war es durch die ähnlich gestalteten Lebensläufe erstmals möglich, den Einfluss der Religion bei Bewerbungen klar zu beurteilen. Bei bisherigen Studien zur Diskriminierung sei dieser Effekt durch andere Faktoren wie zum Beispiel das Herkunftsland und die ethnische Zugehörigkeit der Bewerber verwässert worden. Die Autoren bezeichnen die Nachteile, die islamische Migranten erfahren, als „Moslemeffekt“.

Akzent als Hindernis

Ähnliche Studien zur Diskriminierung hat man schon in vielen europäischen Ländern durchgeführt, sagt der Soziologe und Migrationsforscher August Gächter vom Zentrum für Soziale Innovation. Neben Hautfarbe und Herkunft wird oft auch ein Akzent oder ein ausländischer Vorname zu Hürde bei Bewerbungen.

Gächter hat an Studien für das Migrationsprogramm der Internationale Arbeitsorganisation in Schweden, Frankreich und Italien mitgearbeitet: Auf eine Stellenausschreibung hin haben trainierte Bewerber angerufen, um sich zu erkundigen, ob die Stelle noch frei sei – zunächst eine Person mit Akzent oder mit zum Beispiel dem Namen Achmet, zehn Minuten später ein Proband, bei dem es keinen Hinweis auf einen Migrationshintergrund gegeben hat. In circa 40 Prozent der Fälle hat man dem ersten Anrufer erklärt, dass die Stelle schon vergeben sei, während man den zweiten Anrufer eingeladen hat, eine Bewerbung zu schicken.

Stadt, Land, Vorurteil

Bei solchen Studien zeigen sich Gächter zufolge immer wieder Details in der Diskriminierung: So fühlen sich laut in einer Befragung der Agentur der Europäischen Union für Grundrechte türkische Frauen in Wien bei Bewerbungen diskriminiert. Entscheidend ist dabei die Herkunft aus der Türkei. Ob die Frauen ein Kopftuch tragen oder nicht, spielt keine Rolle.

In der Studie der Internationalen Arbeitsorganisation zu Frankreich wiederum habe sich gezeigt, dass Westafrikaner dort stärker diskriminiert werden als Nordafrikaner – auch wenn Menschen aus beiden Regionen muslimisch sind. Laut Gächter könnte dies an der Hautfarbe liegen.

Die Unterschiede in der Diskriminierung können zudem zwischen einzelnen Städten innerhalb eines Landes größer sein als im Ländervergleich. Gächter zufolge könnte dies mit der Arbeitsmarktstruktur zusammenhängen: Je besser die Situation am Arbeitsmarkt einer Stadt, desto weniger wird möglicherweise diskriminiert. Begonnen wurde mit Studien zur Diskriminierung am Arbeitsmarkt laut Gächter in den 1960er-Jahren in Großbritannien: damals zu den Unterschieden nach der Hautfarbe.

400 Euro weniger im Monat

Benachteiligt sind Muslime aber nicht nur bei der Suche nach Arbeit, sondern auch beim Gehalt: Ein muslimischer Haushalt von Angehörigen der zweiten Generation aus Senegal verfügt in Frankreich über durchschnittlich 400 Euro weniger Einkommen im Monat – verglichen mit einem Haushalt christlicher Einwanderer aus dem Land. Dies hat eine ebenfalls von David Laitin durchgeführte Studie an 511 in Frankreich lebenden senegalesischen Christen und Muslimen ergeben.

Eine offene Frage sind laut den Studienautoren noch die Mechanismen, die zu dieser ökonomisch schlechteren Position führen. Zum einen könnten französischstämmige Franzosen eine „Vorliebe“ für Christen haben, wenn es um Jobs geht. Zum anderen könnten christliche Migranten bessere Kontakte haben – zum Beispiel über Kirchen. Auch haben die Christen eine etwas höhere Bildung.

„Echte“ und „unechte“ Muslime

Laut Laitin und seinen Kolleginnen dürfte die Studie mit Marie, Khadija und Aurélie den diskriminierenden Effekt gegen Muslime sogar unterschätzen: Zum einen würden viele Franzosen Menschen aus Senegal nicht immer mit dem Islam verbinden. Muslime aus dem südlicheren Afrika würden bei vielen Menschen in Frankreich – und vor allem bei jenen, die aus dem Maghreb stammen – nicht als „echte“ Muslime gelten, weil sie nicht oder nur wenig Arabisch sprechen und muslimische und nicht-muslimische Afrikaner gleich behandeln.

Zum anderen würden manche Unternehmen versuchen, ihre Vorurteile zu verbergen: Sie versprechen auf die Bewerbung einen Rückruf, haben aber gar kein Interesse, muslimische Bewerber einzustellen.

Quelle

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